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Conny Plank

Die Aufgabe des Produzenten, wie ich den Job verstehe, über die Technik hinaus, ist hier eine völlig angst- und vorbehaltsfreie Atmosphäre zu schaffen, den ganz naiven Moment von ,Unschuld’ herauszufinden und dann rechtzeitig auf den Knopf zu drücken, damit der Augenblick festgehalten wird. Das ist alles. Alles Übrige kann man lernen, ist Handwerk

Conny Plank

Who`s That Man – A Tribute To Conny Plank

Es ist Mitte der Achtzigerjahre. Ein deutscher Musikproduzent wird von einem britischen Kollegen einer Band aus Dublin vorgestellt. Nach Meinung des Briten ist der Deutsche genau der richtige Mann, um das nächste Album der Iren zu produzieren. Nach einem kurzen Treffen mit der Band kommt der Deutsche allerdings zum gegenteiligen Schluss: „Ich kann mit diesem Sänger nicht arbeiten“, sagt er und lehnt den Auftrag ab. „Dieser Sänger“ war Bono Vox, die Band U2, das Album The Joshua Tree, der britische Produzent war Brian Eno und der deutsche Conny Plank. Diese Geschichte ist typisch für Conny Plank. Der von Zeitzeugen als äußerst liebenswürdig beschriebene Produzent konnte seine Liebenswürdigkeit ganz schnell vergessen, wenn es um den Arbeitsethos ging und die Ignoranz der Medien und der Musikindustrie.

Wer in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren mit abenteuerlustiger Musik sozialisiert wurde, kam an dem Namen Conny Plank nicht vorbei, sofern er die unter Musikliebhabern durchaus nicht ungewöhnliche Angewohnheit hatte, das Kleingedruckte auf den Schallplattenhüllen zu lesen. Der Satz „Produced by Conny Plank“ war auf Dutzenden von Plattencovern abgedruckt, darunter nicht wenige, die heute als Klassiker gelten – Alben von Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf, Kluster, Michael Rother, Ash Ra Tempel, Scorpions, Brian Eno, Can, Ultravox, DAF, Devo,  Eurythmics.

Konrad Plank wurde am 3. Mai 1940 in Hütschenhausen in Rheinland-Pfalz geboren. Er begann 1963 als Mitarbeiter im Studio des Westdeutschen Rundfunks in Köln, wechselte dann zum Rhenus-Tonstudio in Köln, wo er als Assistent und als verantwortlicher Toningenieur unter anderem Aufnahmen von so unterschiedlichen Künstlern wie Marlene Dietrich, Duke Ellington und Karlheinz Stockhausen betreute. Als freiberuflicher Produzent war er Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre an Platten wie Tone Float, dem einzigen Album der Kraftwerk-Vorgängerband Organisation beteiligt, an den beiden ersten Kluster-Alben Klopfzeichen und Zwei Osterei, und dem gleichnamigen Debüt von Kraftwerk. Von da an nahmen die Dinge ihren Lauf. Conny Plank wurde die treibende Kraft hinter den wichtigsten experimentellen deutschen Bands der Siebzigerjahre. Obwohl er das selber, in seiner ihm eigenen Bescheidenheit, ganz anders gesehen hat. „Die Aufgabe des Produzenten, wie ich den Job verstehe, über die Technik hinaus, ist hier eine völlig angst- und vorbehaltsfreie Atmosphäre zu schaffen, den ganz naiven Moment von ,Unschuld’ herauszufinden und dann rechtzeitig auf den Knopf zu drücken, damit der Augenblick festgehalten wird. Das ist alles. Alles Übrige kann man lernen, ist Handwerk“, wird Plank in einem seiner seltenen Interviews (aus dem Musikexpress vom Februar 1982) zitiert. Das ist eine maßlose Untertreibung, die Planks musikalische Experimentierfreude, seinen Willen zum Risiko, das Aufbrechen eingefahrener Denkmuster und die Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen außen vor lässt. Midge Ure, Sänger und Gitarrist von Ultravox liefert ein perfektes Beispiel für die radikale Arbeitsweise von Conny Plank. Bei den Aufnahmen für das Album U-Vox von 1986 ließen Ultravox für den Song, „All In One Day“ von Beatles-Produzent George Martin ein Orchesterarrangement schreiben. Midge Ure: „Dieses sehr teure Arrangement hat Conny dann durch einen Verzerrer geschickt, weil er der Meinung war, so müsse ein Orchester klingen. So war Conny, er hat die Dinge in etwas Einzigartiges verwandelt, er war ein Musiker, ein Künstler.“

Conny Plank war ein Starproduzent zu einer Zeit, in der Produzenten noch keine Stars waren. Musikproduzenten übten freilich schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Einfluss auf die Künstler aus. Wenn man an den „Wall of Sound“-Erfinder Phil Spector denkt, an Elvis-Entdecker Sam Phillips und vor allem an George Martin, der die Rolle des modernen Produzenten neu definierte, weil er den Sound der Beatles an die Grenzen der populären Musik steuerte. Aber sie alle agierten im Hintergrund. Der Produzent als Star – Rick Rubin, Steve Albini, Danger Mouse, um nur ein paar zu nennen – ist eine Erfindung der Achtzigerjahre. Seitdem haben sich die unterschiedlichsten Produzententypen herauskristallisiert. Es gibt solche, die ihre Aufgabe, in der möglichst originalgetreuen Aufnahme der Musik sehen, und dafür stundenlang mit der richtigen Positionierung der Mikrofone verbringen. Andere intervenieren mehr oder weniger stark künstlerisch. Conny Plank war ein bisschen von allen. Für Cluster (Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius) war er das heimliche dritte Bandmitglied, für viele andere ein nahezu gleichberechtigter Partner, der gemeinsam Ideen entwickelt hat. Nur: einen bestimmen Sound hat er keiner Band aufgedrängt, denn „jeder kriegt den Sound, den er verdient“, hat Plank im oben zitierten Interview betont. Er verstand seine Aufgabe als die eines Mediums zwischen den Musikern, dem Sound und dem Tonband.

Das erwähnte Interview zeigt Plank als einen, der bewusst im Hintergrund agierte, ein Mensch, dem Bescheidenheit eine Tugend war. Vor dem Gespräch verlangte er dem Journalisten „einen triftigen Grund“ ab, wieso die Leser sich für eine Geschichte über ihn interessieren sollten. Denn er sei ja nur einer, der Knöpfe dreht und Regler schiebt. Zuvor erfährt der Leser, dass Plank seine Goldenen Schallplatten auf dem Klo aufgehängt hat – ein nicht unironischer Akt der sanften Rebellion gegenüber den Insignien, mit denen sich die Musikindustrie selber feiert. Ein paar Zeilen weiter liefert der Produzent dann vorauseilend die Begründung dafür, wieso er es Jahre später ablehnen wird, eine Band wie U2 zu produzieren: „Seit einem halben Jahr bin ich zum ersten Mal in der Lage, nur noch das zu produzieren, was ich produzieren will. Das heißt, ich kann zum ersten Mal Sachen, die als Produktionen dickes Geld bringen würden, ablehnen, wenn ich sie nicht will. Im letzten halben Jahr ist das zwei Mal passiert“.

Conny Plank war der zeitgenössischen Studiotechnik immer einen Schritt voraus. Mit selbstgebauten Apparaten und Geräten und einem modifizierten Mischpult übertrug er seine künstlerischen Visionen auf Tonband. Mittels eines komplizierten Aufnahmeverfahrens nahm er den polyphonen Sampler um Jahre vorweg. Zurecht hat Brian Eno ihn einmal als „Erfinder“ bezeichnet. Midge Ure betont Planks Vorliebe für Sounds. „Er hat sich sehr unterschieden von den Produzenten, mit denen ich vorher gearbeitet habe, weil er die ganze Zeit über Sound nachgedacht hat. Er hat diese wundervollen, einmaligen Atmosphären geschaffen.“

Michael Rother, der mit Conny Plank Jahrelang zusammengearbeitet hat, als Mitglied von Kraftwerk, Neu!, Harmonia und als Solokünstler, erinnert sich. Es hat außer Conny in der Musiklandschaft keinen anderen Tontechniker/Musikproduzenten gegeben, der uns auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksform, einer eigenen musikalischen Identität in dieser Form begleitet hätte. Conny und wir waren einfach natürliche Partner. Er hatte dieses riesige Talent, unsere Absichten intuitiv zu erfassen und trotz der damals minimalen Studiotechnik ganz besondere Klanglandschaften zu schaffen.“ Plank liebte den Sound der Maschinen. „Ich mag Synthesizer, wenn sie wie Synthesizer klingen, nicht wie natürliche Instrumente. Wenn du eine Drummachine in der elektronischen Musik benutzt, ist das okay, aber nicht wenn die Maschine vorgibt, ein Schlagzeuger zu sein“, hat er einmal gesagt.

Im Sommer 1974 eröffnete Conny Plank sein eigenes Tonstudio in Wolperath, 35 Kilometer südöstlich von Köln. Es war untergebracht im ehemaligen Schweinestall eines Bauernhofes. Es sollte sich in den kommenden Jahren zu einem immer gut besuchten Treffpunkt für Musiker entwickeln. „Es war großartig, so relaxed. Wir haben dort gelebt, es war wie unser Zuhause. Das war gut, es war eine sehr kreative Umgebung“, erinnert sich Midge Ure.

Auch Dieter Moebius hat viele Jahre lang mit Conny Plank in den unterschiedlichsten Konstellationen zusammengearbeitet hat – mit Hans-Joachim Roedelius und Conrad Schnitzler bei Kluster, nach dem Ausscheiden Schnitzlers als Cluster mit „C“, mit Harmonia und im Duo Moebius & Plank: „Wir haben viel mit Zufällen gearbeitet. Der erste Take war der beste Take, man musste nicht großartig daran rumfeilen. Es ging eher um die Arbeiten, die danach kamen, die Postproduction, das Schneiden. Conny hat sogar 24-Spur-Tonbänder geschnitten, was schon eine ganz besondere Kunst ist. Bei der Arbeit am Pult wurde dann schon ein bisschen herumgefeilt, beim Aufnehmen aber war das Perfektionistische zweitrangig.“ Michael Rother bestätigt diese First-Take-Politik anhand der Aufnahmen zu dem Stück „Hero“ auf dem Album Neu! 75: „Der erste Take hat meistens eine ganz besondere Magie. Als Klaus Dinger den Gesang für ,Hero’ aufgenommen hat, saß ich mit Conny im Regieraum. Klaus brüllte seinen Zorn und seine Verzweiflung heraus. Conny und ich schauten uns nur an und dachten: ,Genau, das ist es’. Klaus aber meinte: Nein, nein, das muss ich nochmal aufnehmen, das muss ich besser machen’. Der zweite Take war dann tatsächlich “richtiger” im Sinne von organisierter, aber dieses “Richtiger” war einfach nicht so stark und packend wie der emotionale erste Take, der mich und viele Leute heute noch fasziniert. “Rother spricht Plank das größte Kompliment aus, das ein Musiker einem Produzenten machen kann: „„Ich gebe seit einigen Jahren so viele Interviews weltweit. Und wenn der Interviewer nicht von alleine darauf kommt, dann ergreife ich das Wort und sage: Wir müssen an Conny Plank denken, uns und die Fans unserer Musik an seine entscheidenden kreativen Beiträge erinnern, uns dafür bedanken. Wenn immer nur die Band oder die Musiker genannt werden, greift das zu kurz. Wir hätten in den 70ern (nicht nur) die Neu!-Alben nicht hinbekommen ohne Conny.“

Conny Plank starb am 18. Dezember 1987 im Alter von nur 47 Jahren an Krebs. Die Zeit, in der die Musikproduzenten wie Superstars gefeiert werden, hat er nicht mehr erleben dürfen. Der „Hippie, der große Bär, der mit unglaublicher Energie und Leidenschaft seinem kreativen Wahnsinn frönte“ (O-Ton Michael Rother) wäre heute selbst ein Superstar. Aber vermutlich wäre ihm das egal und er würde noch ein paar mehr Goldene Schallplatten aufhängen – auf seinem Klo.

Albert Koch